Ein tiefes Stück Steffie

Eigentlich bin ich ein sehr mutiger Mensch. Selten in meinem Leben bin ich an Punkte gelangt, an denen ich mich ernsthaft überwinden musste. Das dürfte zum einem an meinem Charakter liegen und zum anderen an der Schauspielerei. Oft und gern setze ich mich mit mir und Situationen auseinander. Deswegen weiß ich, was ich kann und was ich nicht kann. Als ich meine Diagnose bekam hat sich das alles irgendwie geändert. Ich war verunsichert. Verloren. Und trotz all der Menschen um mich herum, allein. Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich einen Tag nach der Diagnose vor einem Kühlregal stand und bitterlich anfing zu weinen, weil ich nicht wusste, ob ich überhaupt noch alles essen darf. Noch einen Tag später lief ich über die Kirmes und dachte immerzu: „Alle können es sehen. Man sieht es mir an.“ Ich war dort, ich erinnere mich zwar kaum, aber ich war dort. Und ich war weg. Kurze Zeit später habe ich die Diagnose ignoriert. Habe wie eine Bescheuerte für eine Klausur gelernt. Und bestanden. Kurz danach hatte ich den zweiten Schub. Dieser wurde dann zum ersten Mal im Krankenhaus behandelt. Und irgendwie wurde alles seltsam real. Trotzdem habe ich im nächsten Semester wieder Kurse belegt, bis kurze Zeit später der dritte Schub kam. Und ich war gebrochen. Ich hatte mich verloren. Ich wollte mein Studium abbrechen. Ich bekam Angst vor der Uni. Die Menschen dort versetzten mich in Panik. Immerzu hatte ich Angst davor, dass jemand erahnen könnte, dass ich nicht „normal“ bin. Also habe ich nach Gründen gesucht. Nach Gründen, der Uni fern zu bleiben. Ich wollte keine Menschen treffen. Fremde Menschen machten mir noch mehr Angst. Die eventuelle Konfrontation mit der Krankheit schreckte mich ab. Isolierte mich. Ich blieb daheim. Und wartete. Bis die Tage vorbei waren. Bis der nächste Schub kam. Und der kam. Und nicht nur einer. Die ständige Angst vor einem neuen Schub, versetzte mich so sehr in Stress, dass ich ständig neue Schübe bekam. Bis es dann insgesamt sechs an der Zahl waren. Die Herde in meinem Kopf wurden immer mehr. Meine Neurologin war ratlos. Bis ich ihr eines Tages schilderte wie ich mich fühle. Und sie bot mir damals zwei Optionen an. Tabletten oder einen Therapeuten. Ich habe dankend abgelehnt. Immer noch war ich felsenfest davon überzeugt, dass ich es schaffen kann. Bis mir eines Tages bewusst geworden ist, dass ich mit niemandem reden kann, weil mir klar wurde, dass meine Ängst und Sorgen nur noch größer werden würden, wenn ich mit einem meiner nahen Menschen darüber reden würde und ich ihm damit Kummer bereiten würde. Also entschied ich mich schweren Herzens dazu, einen Therapeuten aufzusuchen. Davon werde ich euch nun nicht im Detail berichten. Berichten wollte ich, dass ich dort gelernt habe, dass es okay ist, Angst zu haben. Ich habe Grund dazu und es ist in Ordnung. Sie wird nicht weg gehen, ebenso wie die Diagnose nicht weggehen wird, aber ich kann sie hinnehmen. Und durch diese Neusortierung war sie auf einmal nicht mehr in meinem Sichtfeld. Und wenn sie jetzt auftaucht, sage ich ihr, dass es okay ist, dass sie da ist. Und deswegen verschwindet sie wieder.

Und jetzt die Frage: warum erzähle ich euch das alles? Dieses tiefe Stück Steffie, das ich hier in dieser Form noch nicht erwähnt habe? Nun ja, zum Einen weil es dazu gehört, und zum Anderen, weil ich euch erzählen will, dass ich ein bisschen besser geworden bin. Vor ein paar Monaten ist meine Therapie zu Ende gegangen. Etwas Komisches war passiert. Ich war wieder die Steffie, die ich vor der Diagnose war. Nur eben mit einer Diagnose. Die aber keine Wichtigkeit mehr für mich hat. Mit der Arbeit an mir selbst, hörten die Schübe auf. Ich hatte noch diesen einen, siebten und letzten Schub und dann war vorbei. Ich hatte meine Angst vor Menschen verloren. Mein Stundenplan war wieder gefüllt, die Prüfungen sind fast alle abgelegt. Und nun, bin ich wieder ich. Ganz nah bei mir. Nicht verloren. Nicht weg. Konzentriere mich wieder auf meine Ziele, die so weit weg schienen. Lasse mich von Menschen wiederfinden, die ich einst verloren hatte und baue sie wieder in mein Leben. Frage mich, wo ich all die Jahre gewesen bin und was ich für ein Mensch war. Die Erinnerung an diese komische Zeit verblasst. Fast scheint es, als hätte ich die Diagnose nie bekommen. Nur manchmal ist da ein kleines Kribbeln in meiner linken Gesichtshälfte, das mich leise erinnert, dass ich auf mich aufpassen soll.

Allerliebste Grüße

Steffie

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