Entzug

Ich erinnere mich noch gut an diesen Sonntag im Mai 2013 als ich in der Notaufnahme gesagt bekam, dass ich bleiben muss. Diese verrückte Aussage, die man nicht erwartet, wenn man in einer Notaufnahme sitzt. In die man ja eigenständig hineingelaufen ist. Ich erinnere mich noch besser an den 28. Mai 2013. Den Tag, an dem ein Arzt mir gegenüberstehend an der Fensterbank lehnte, ich saß auf dem Bett und er sagte: „Es tut mir Leid, aber Sie haben Multiple Sklerose.“ An die vielen weiteren Krankenhausaufenthalte kann ich mich dann weniger gut erinnern. Die Symptome verschwimmen, die Daten sind verloren gegangen. An die Zimmer erinnere ich mich nur noch dunkel. An Gesichter überhaupt nicht.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem ich entschied, dass es jetzt weiter gehen muss. Ich weiter gehen muss. Ich die Uni wieder aufnahm, der allerbeste Ehemann und ich entschieden, ein Kind zu bekommen. Ich erinnere mich an diesen Tag im Oktober 2016, an dem ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt. Der Moment, in dem klar war, dass ich jetzt gesund sein muss. Also wurde ich stärker. Und stärker.

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit im Herbst 2018. Ich entschied, dass ich noch gesünder und noch stärker werden wollte. Ich nahm 17 Kilo ab und baute Muskeln auf. Je mehr Kraft ich aufbaute, desto fitter wurde ich. So fit, dass jedes meiner MS-Symptome verschwand. Jeder Tag wurde leichter. Ich immer entspannter. Bis ich mich sogar nach zwei Jahren im Sommer 2019 wieder ins MRT traute und das völlig verrückte Ergebnis bekam, dass ich nun seit drei Jahren einen vollständigen Stillstand beim Wachstum der Herde in meinem Gehirn habe.

Ich werde mich für immer gut an den 6. August 2019 erinnern. Den Tag, an dem ich mich entschied, meine Medikamente komplett abzusetzen und es auch tat. Ich bin (zur Zeit) so gesund, dass ich möglichen (lebensgefährlichen) Nebenwirkungen des Medikaments keine Chance geben möchte. So gesund, dass ich mir selber vertrauen kann. So gesund, dass ich keinen Unterschied merke. Woran ich mich aber auch immer gut erinnern werde, ist der schlimme Entzug, den ich acht Wochen lang nach dem Absetzen durchgemacht habe. Schmerzen. Übelkeit. Müdigkeit. Der Moment, in dem mir das Medikament zeigen wollte, dass ich es brauche. Der Moment, in dem ich stärker war, als jemals zuvor. Der Moment, in dem du an das Ziel denken musst. Aber auch der Moment, in dem du nicht darüber nachdenken darfst, welche Art Chemie du da zu dir genommen hast. Denn eines Tages werde ich vielleicht froh sein, dass es diese Chemie noch gibt.

Allerliebste Grüße

Steffie

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