Geduld

Früher war ich gegenüber Handarbeit sehr abgeneigt. Stricken, Sticken, Nähen und Häkeln waren mir ein Graus. Wenn ich schon daran gedacht habe… Die Geduld, die man dazu aufbringen muss… Diese Ruhe, die man dadurch bekommt… Schrecklich! Aber wie heißt es so schön? Wachse an deinen Aufgaben. Meine Aufgabe war es, mich runterfahren zu können. Ein bisschen Ruhe in mein Leben zu bringen. Geduldiger zu werden. Und glaubt mir, Geduld ist wirklich keine meiner Stärken. Man kann viele Eigenschaften mit mir in Verbindung bringen, aber Geduld niemals.
Vor langer Zeit saß ich bei meiner allerbesten Omi am Tisch. Im Vorhinein muss ich sagen, meine allerbeste Omi ist ein sehr geduldiger Mensch. Wenn ich so überlege, der geduldigste Mensch, den ich kenne. Ich habe sie einmal unentspannt erlebt und das war, als ich als Kind eine volle Teetasse gegen ihre Küchenwand geleert habe. Aus Versehen natürlich. Vermutlich kann man hier einen Zusammenhang zu der Ruhe ziehen, die ich schon immer in mir getragen habe. Auf jeden Fall fand sie das nicht so witzig.
Nun gut, das ist eine andere Geschichte. Ich saß also am Esszimmertisch. Das Gespräch kam auf das Stricken. Und meine allerbeste Omi sagte zu mir, dass das wirklich nicht schwierig sei. Stricken kam gerade in Mode. Natürlich wollte ich das auch können. Also nicht, dass ich jetzt jedem Trend hinterher renne. Ganz im Gegenteil. Genau das mache ich eigentlich nicht. Aber Stricken können wäre schon cool. Denn welcher Schal sieht schon genau so aus wie der, den man haben möchte? Eben.
Ich saß also am Esszimmertisch. Und wollte stricken können. Da holt die allerbeste Omi zwei Stricknadeln und ein bisschen Wolle, setzt sich hin und zaubert ein paar Maschen auf die eine Nadel und sagt: „So Stefanie (Ja, sie redet mich tatsächlich mit Stefanie an und somit ist meine regelmäßig getätigte Aussage: „Stefanie sagt nur meine Mama.“ hinfällig. Denn Stefanie sagt auch die allerbeste Omi und auch der Papa. Dieser sagte vor kurzem einmal Steffie. Das war sehr komisch und eine Wiederholung ist nicht unbedingt erwünscht.) Wo war ich? Ach ja, okay, ich fang den Satz nochmal neu an, um allgemeiner Verwirrung vorzubeugen: „So Stefanie, du musst einfach…“ und zeigt mir dabei eine komplizierte Bewegung der Nadeln und sofort (und ich war hellauf begeistert) erscheint eine neue Masche. Na gut, so schwierig sah es nicht aus. Sie wiederholt das Ganze und drückt mir die Nadeln in die Hand. Ich wiederhole die Bewegung und habe, richtig, einen Knoten gemacht. Die allerbeste Omi guckt mich ungläubig an. Ich entferne den Knoten, sie zeigt es mir erneut. Dazu bekomme ich eine wörtliche Umschreibung. Ich versuche es noch einmal. Und wieder mache ich: einen Knoten. Die allerbeste Omi kann nicht fassen, was sie da sieht. In ihrem Gesicht lese ich, dass sie scheinbar kurz anzweifelt, mit mir verwandt zu sein. Doch dann erinnert sie sich daran, dass sie ein geduldiger Mensch ist. Sie wiederholt den ganzen Vorgang noch einmal in Zeitlupe. Leider mit dem selben Ergebnis. Sie guckt mich an, erhebt die Stimme: „Stefanie, das kann doch nicht wahr sein! Was machst du denn da?“ Ich wusste es wirklich nicht. Und jeder weitere Versuch lief genauso ab. Keine einzige Masche habe ich an diesem Tag gestrickt. Also war das Projekt Stricken erstmal wieder gestorben. Bis mir dann meine allerliebste beste Freundin in einer halben Stunde das Stricken beibrachte. Und ja, sie wird Lehrerin. Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang.

Allerliebste Grüße

Steffie

One thought on “Geduld

  1. Und jetzt strickt du ungefähr doppelt so viel wie Emi und ich zusammen!
    Du bist eben ein „Macher“ 😉

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