Kleine graue Wolke

Auch, wenn ich den Umgang mit der Krankheit mittlerweile besser hinbekomme, habe ich immer noch Schwierigkeiten, Kontakt mit anderen MS-Erkrankten zu haben. Also vermeide ich ihn immer. Heute bin ich über meinen Schatten gesprungen und habe mich nach Wuppertal ins Rex Filmtheater gewagt, um mir den Film „Kleine graue Wolke“ von Sabine Marina anzuschauen. Was ich dabei vergessen hatte: ich war nicht die einzige MS-Kranke. Logischerweise. So stand ich also, glückerlicherweise den allerbesten Ehemann an meiner Seite, vor einem Kinosaal mit vielen Menschen mit offensichtlichen Behinderungen. Ein Blick in meine Zukunft (.) (!) (?) Vielleicht. Die Tatsache, dass ich das Publikum bei der Planung meines Kinobesuchs vergessen hatte, bescherte mir einen kurzzeitigen Schockzustand, den ich elegant damit überging, irgendein unsinniges Spiel auf meinem Handy zu zocken. Im dunklen Kinosaal war es dann okay. Nur führte mir die Situation vor Augen, wieso ich kein bisschen dazu bereit bin, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen. Und aktuell bin ich mir auch nicht sicher, ob ich es jemals sein werde. Aber muss ich ja auch nicht.

Ich habe MS. Aber andere haben andere Sachen.

Sabine Marina ist selbst an MS erkrankt und ihr Mut, sich öffentlich damit auseinander zu setzen und andere ein Stück weit teilhaben zu lassen, erinnerte mich an mich selbst, weswegen mich der Film sehr interessierte. Es ist ein Film, der nur in ein paar Kinos gezeigt wird und ursprünglich dachte ich, dass ich ihn überhaupt nicht sehen kann. Aber der heutige Termin in Wuppertal schien dann doch perfekt. Eigentlich geht es in dem Film gar nicht richtig um MS. Also es wird nicht im Detail erklärt, um welche Art Krankheit es sich handelt. Also im medizinischen Sinne. Eher so für normale Menschen. In ein paar Nebensätzen werden die wichtigsten Fakten genannt. Aber hauptsächlich geht es um eine junge Frau, die mitten im Leben steht, und gezwungen wird, alle Pläne zu ändern. Und die über eine Leinwand läuft und meine Gedanken ausspricht. Sie teilt meine Ängste, meine Bedenken aber auch meine Hoffnungen. Ein wirklich verrücktes Gefühl. Was mich aber am meisten begeistert hat, waren die Momente, in denen es Sabine Marina schafft, Emotionen, die nur die Menschen erlebt haben, die das gleiche durchgemacht haben wie sie, zu transportieren. Dafür benutzt sie eindrucksvolle Bilder, die in mir ausgelöst haben, dass ich mich verstanden gefühlt habe, und bei einem Gesunden die Frage aufwerfen: „So also fühlt sich das an?“ In dem Film werden auch andere Menschen vorgstellt, die die unterschiedlichsten Krankheitsverläufe der MS haben. So, wird einem die MS doch näher gebracht, ohne, dass man die Krankheit genau kennt. Aber alle haben eins gemeinsam. Keiner von ihnen gibt auf. Auch, wenn nicht alle die klassischen Medikamente nehmen, auch, wenn manche schwerer getroffen sind als andere, auch, wenn alle bestätigen, dass die MS sie in ihrem Leben einschränkt, jeder von ihnen hat einen Weg gefunden, die eigene MS anzunehmen. Und oft wird betont, dass die Krankheit sie auf eine ganz bestimmte Art und Weise bereichert hat. Alle sind sich im Klaren darüber, dass sie ein mieses Los gezogen haben. Keiner kann uns sagen wie lange es noch bergauf geht, oder wie schnell es bergab gehen wird. Keiner kann uns sagen, welche Ausmaße die Krankheit haben wird. Vielleicht lebt man noch zehn Jahre ohne größere Beschwerden, vielleicht kann man aber in fünf Jahren auch schon nicht mehr laufen. Trotzdem haben alle vorgestellten Erkrankten ihre Erzählungen mit einem positiven Gedanken abgeschlossen. Und eben darum war der Film schlussendlich richtig gut. Er vermittelt eben, dass eine unheilbare Krankheit nicht der Grund ist, den Kopf in den Sand zu stecken und miesepetrig durch die Welt zu laufen. Sondern genau das Gegenteil, nämlich lieber jeden Moment auszukosten.

Am Ende geht es nicht darum, was wir durch die MS verloren haben. Sondern darum, was wir durch sie finden werden.

Allerliebste Grüße

Steffie

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