Perfekt

Erneut wurde ich gefragt, woher ich eigentlich die ganze Zeit nehme, all die Dinge zu tun, die ich hier erzähle. Ich nehme das als Anlass, eine neue Geschichte über mich Preis zu geben.

Mein Leben ist nicht mehr wie früher. Wer mich kennt, weiß, dass man mir selten etwas anmerkt. Ich versuche selten darüber zu reden, dass ich krank bin und vermeide, anderen von meinen Beschwerden zu erzählen. (Und glaubt mir, davon gibt es so viele…) Davon ausgenommen sind nur ein paar wenige Menschen. Jemand, der mich nicht kennt, würde nie bemerken, dass ich krank bin. Irgendwie ist das auch gut so. Nur leider laufe ich so auch Gefahr, dass ich oft stärker sein muss, als ich eigentlich möchte oder sogar dürfte. Wer immer sagt, dass es ihm gut geht, wird auch so behandelt. Dabei basiert mein Dasein auf einem zerbrechlichen Gerüst, das schnell ins Wanken geraten kann. Ich habe eine genaue Stundenzahl, die ich nur in den seltensten Fällen überschreite, in der ich garantieren kann, dass ich funktioniere. Ich muss früh ins Bett, ich muss noch früher ins Bett, wenn ich morgens früh raus muss und ich muss immer gut haushalten mit meiner Zeit. Körperliche Anstrengung verringert die Zeit. Kognitive Anstrengung auch. Muss ich vorher und nachher noch lange Autofahren, muss ich diese Zeit mit einrechnen. Ich brauche eine lange Pause, wenn ich an einem Tag zweimal funktionieren möchte. Alles in allem habe ich einen Tagesablauf, der durchgetaktet ist wie bei einem Kleinkind. Oft nutze ich die Pausen für all die Dinge, die ich hier so erzähle. Oft reicht in den Pausen aber auch nicht mehr dafür, dann liege ich.

Wie zerbrechlich mein Konstrukt ist, merke ich in den letzten Tagen. Alle brechen in Weihnachtsstress aus. Und hier passiert zweierlei. Erstens denken ja alle, dass es mir völlig gut geht, also werde ich mit reingezogen. Dass ich aber selber viel mehr Termine habe als sonst, bemerke nur ich selber. Mein wunderbares Gerüst ist also ins Wanken geraten. Die Pausen werden kürzer, die Tage länger. Also schlafe ich schlechter. Also habe ich weniger Energie. Also bin ich schneller kaputt. Also bin ich schneller gestresst, weil ich für alles länger brauche. Willkommen im Teufelskreis der Multiples Sklerose. Da ist ein Schub dann nicht mehr weit.

Zweitens kann ich mit meiner wunderbaren neuen Lebenseinstellung nicht mehr nachvollziehen, was um mich herum passiert. Ich höre ständig Sätze wie: „Geht das noch vor Weihnachten?“ oder „Ich muss das bis Weihnachten noch fertig haben.“ Gar nichts muss man. Was macht es für einen Unterschied? Der Sinn geht verloren. Warum muss alles perfekt sein? Was ist das überhaupt für ein boshaftes Wort, perfekt? Perfekt impliziert, dass ich 100%ig funktionieren muss. Ich mir selber den Druck mache, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwas geschafft haben muss. Perfekt bedeutet in den meisten Fällen, dass ich mir ein fast unerreichbares Ziel gesetzt habe, das ich um jeden Preis erreichen will. Warum? Woran scheitert es, an Heilig Abend den Tannenbaum aufzustellen, ihn gemeinsam zu schmücken, gemeinsam zu kochen und dann gemeinsam zu essen? Woran scheitert es, sich von der allgemeinen Meinung abzugrenzen und sich keiner Tradition, keinem Druck, keinem Muss zu beugen? Ich weiß es einfach nicht.

Der allerbeste Ehemann und ich werden dem Ganzen entfliehen. Inwiefern werde ich berichten, wenn wir zurück sind. Ich muss mein Gerüst wieder aufbauen, diesmal vielleicht stärker. Ich muss dringend mehr Selbstschutz betreiben. Das Risiko, eine dauerhafte Einschränkung davon zu tragen, ist einfach zu groß. Manchmal muss man eben noch mehr an sich denken, als man es eh schon macht.

Allerliebste Grüße

Steffie

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