Realität

Schon lange versuche ich, die richtigen Worte zu finden und hier wieder rein zu kommen. Nun sitze ich hier, meine Nägel trocknen, und ich werde versuchen, in Worte zu fassen, wie das letzte Jahr verlaufen ist.

Zur Zeit ist die MS präsenter denn je. Der sogenannte Jahrhundertsommer setzt mir ganz schön zu. Fast jeden Tag habe ich ein anderes Symptom, aber kein einziges hält länger als 24 Stunden. So lange müsste es halten, damit es ein Schub sein könnte. Also ist es eigentlich gut, dass keins länger als 24 Stunden hält, auf der anderen Seite schlaucht es, über so viele Tage die ganzen Entzündungsprozesse zu ertragen. Aber das Gute an einem Sommer ist ja, dass er irgendwann zu Ende geht. Deswegen halte ich schön durch und feiere diesen Monat meine dreijährige Schubfreiheit. Mehr als die Hälfte der Zeit, die ich krank bin, bin ich nun schubfrei. Also wird nicht mehr gemeckert, sondern brav weitergemacht. Somit ist mein letztes Jahr gesundheitlich ganz gut verlaufen. Sporadische Probleme mit meinen Füßen (einem Sturz inklusive) und Händen, diverse Nervenschmerzen und enorme Müdigkeit waren da, sind aber wieder vergangen. So muss das sein.

Trotzdem ist natürlich im letzten Jahr viel passiert. Ich hatte keine Vorstellung wie enorm sich ein Leben durch ein Kind ändern kann. Vor allem hatte ich keine Vorstellung davon wie anstrengend es sein kann. Amelie fordert unglaublich viel und das jeden Tag. Lange wusste ich nicht damit umzugehen, nun habe ich mich halbwegs angepasst. Anfangs hatten wir eine relativ stabil verlaufende Routine und dann wurde Amelie mobil. Ihre Bedürfnisse wurden anspruchsvoller, Impfungen, Zähne und andere Dinge kamen zu unserem Alltag hinzu und somit wurde es fast unmöglich, eine Routine zu halten. Fast wöchentlich änderten sich die Gewohnheiten. Dann kam der Schlafmangel hinzu und ich funktionierte einfach nur noch. Das ging über Monate so. Und das ist dann der Moment, in dem du merkst, dass du deine MS unterschätzt hast. Du merkst, du hast Grenzen, deutliche Grenzen. Und dann wird dir klar, wieviele Menschen du hast, auf du dich wirklich verlassen kannst. Menschen, die verstehen wie schwer das alles für dich ist. Denen du nicht sagen musst wie es dir geht. Sie kommen und bespaßen dein Kind, damit du mal kurz die Füße hoch legen kannst. Etwas essen. Duschen. Dann gibt es die Menschen, die Verständnis dafür haben, dass du dich nicht meldest. Dass du Zeit brauchst. Sie warten geduldig ab. Dann sind da noch die, die nicht verstehen, wieso du dich nicht so oft meldest. Die sich beschweren, dass sie das Baby nicht oft genug sehen. Die nicht verstehen, wieso es für mich so ein Kraftakt ist, mit dem Kind das Haus zu verlassen. Und das bis heute. Ja, und dann sind da noch die Menschen, die verschwinden. Richtig, verschwinden. Die dich im Stich lassen. Persönlich nehmen, dass du dich verhälst wie du dich verhälst. Und sich dann einfach aus dem Staub machen. Weil du sonst auch keine Probleme hast. So, und nun bin ich hier und heute endlich in der Lage, das alles zu sortieren. Amelie und ich sind langsam richtig gut. Wir verlassen fast jeden Tag das Haus. Ich komme mit ihrem Tempo viel besser mit. Sie hat immer weniger anstrengende Probleme. Zumindest zur Zeit.

All diese Gedanken in der glücklichsten Zeit deines Lebens zu spüren, ist enorm belastend. Ich liebe jede Sekunde mit meinem Kind. Jeden Tag bringt sie mich zum Lächeln. Sie macht mich so unendlich stolz, weil sie einfach so ein wunderbares Kind ist. Sie ist das beste an mir. Sie ist die Liebe meines Lebens. Und doch, all diese Anstrengung. An der in einem viel zu hohen Maß einfach nur diese bescheuerte Erkrankung Schuld hat. Aber ich glaube daran, dass es immer einfach werden wird. Dass ich es schaffe. Und dass am Ende noch Menschen an meiner Seite stehen, die mich verstehen.

Allerliebste Grüße

Steffie

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