Schubladen

Ich lese den ein oder anderen Blog. Einer von ihnen ist der Blog zu dem Film „Kleine graue Wolke“, von dem ich euch vor ein paar Monaten berichtet habe. Und dort habe ich heute einen Beitrag gelesen, der mich nachdenklich gemacht hat. Es ging um Bezeichnungen für MS-Erkrankte. Ob man Patient oder Betroffener sagt oder eben Erkrankter wie ich grad eben. Und es ging darum wie sensibel man im Laufe der Zeit auf gewisse Dinge reagiert. Ohne es ernsthaft bemerkt zu haben, habe auch ich gewisse Sensibilitäten entwickelt. Mich als Patient zu bezeichnen, wäre tatsächlich etwas übertrieben. Ich bin höchstens dann, so wie jeder andere auch, Patient, wenn ich im Krankenhaus bin oder beim Arzt. Aber das bin ich ja nicht jeden Tag. Betroffener ist auch irgendwie nicht richtig. Ich kann nicht gut erklären, wieso, aber ich bin nicht betroffen. Betroffen bin ich, wenn ich etwas trauriges von jemandem erfahre und Anteil nehme. Dann mache ich auch ein betroffenes Gesicht. Aber ich mache ja nicht jeden Tag ein betroffenes Gesicht, nur weil ich MS habe. Manchmal bin ich eine MS-Erkankte. Hin und wieder. Dann habe ich viele Symptome und muss daheim bleiben. Aber genauso bin ich eine Grippe-Erkrankte, wenn ich die Grippe habe oder eine Muskelkater-Erkrankte, wenn ich Muskelkater habe. Für Muskelkater bleibe ich übrigens nicht daheim. Natürlich bin ich öfter eine MS-Erkrankte, als eine Grippe-Erkrankte. Das ist der Bonus, wenn man chronisch krank ist. Trotzdem bin ich doch in erster Linie Mensch. Aber die Tatsache, dass man zwangsläufig mit anderen Menschen Kontakt hat, sorgt dafür, dass man sich in einer Schublade wieder findet. In meinem Fall die Schublade: „Oh nein, die Arme.“ Kaum jemand kann sich davon freisprechen, dass ich während eines Gespräches wahrnehme, dass sich sein Blick mir gegenüber verändert hat. Sehr spannend zu beobachten bei meinem Chef, der drei Jahre lang nicht wusste, dass ich krank bin, und mich jetzt, wo er die Wahrheit kennt, anschaut, als ob ich nächste Woche drauf gehen werde. Dabei habe ich mich doch nicht verändert. Also schon. Nur nicht so, dass ich gezwungen bin, es öffentlich zu zeigen. Vor allem hat er mich in der Zeit, in der ich krank war und er es einfach nicht wusste, völlig normal behandelt. Aber erst jetzt habe ich einen mitleidigen Blick „verdient“. Also ganz davon abgesehen, dass ich allgemein nicht so sehr viel Mitleid gebrauchen kann, kann ich Mitleid frühestens dann gebrauchen, wenn es angebracht ist. Und selbst dann…naja, lassen wir das. Das, was man gebrauchen kann, ist Verständnis. Dass ab und zu jemand da ist, der sagt: „Ich verstehe dich.“ Dass man auch mal schweigen darf und sich nicht anhören muss, dass man jemanden vernachlässigt. Dass mir die Taschen unauffällig aus der Hand genommen werden, damit ich es etwas leichter habe. Dass man ohne Probleme den Aufzug nehmen kann, wenn man mehr als eine Etage nach oben möchte. Und das ohne, dass man schief angeschaut wird, weil es eben nur zwei Etagen sind. Und dass man nicht in eine Schublade gesteckt wird, sondern noch als der gesehen wird, der man ist. Nämlich der gleiche Mensch wie früher, nur mit einem etwas anderen Leben.

Allerliebste Grüße

Steffie

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