Ein tiefes Stück Steffie

Eigentlich bin ich ein sehr mutiger Mensch. Selten in meinem Leben bin ich an Punkte gelangt, an denen ich mich ernsthaft überwinden musste. Das dürfte zum einem an meinem Charakter liegen und zum anderen an der Schauspielerei. Oft und gern setze ich mich mit mir und Situationen auseinander. Deswegen weiß ich, was ich kann und was ich nicht kann. Als ich meine Diagnose bekam hat sich das alles irgendwie geändert. Ich war verunsichert. Verloren. Und trotz all der Menschen um mich herum, allein. Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich einen Tag nach der Diagnose vor einem Kühlregal stand und bitterlich anfing zu weinen, weil ich nicht wusste, ob ich überhaupt noch alles essen darf. Noch einen Tag später lief ich über die Kirmes und dachte immerzu: „Alle können es sehen. Man sieht es mir an.“ Ich war dort, ich erinnere mich zwar kaum, aber ich war dort. Und ich war weg. Kurze Zeit später habe ich die Diagnose ignoriert. Habe wie eine Bescheuerte für eine Klausur gelernt. Und bestanden. Kurz danach hatte ich den zweiten Schub. Dieser wurde dann zum ersten Mal im Krankenhaus behandelt. Und irgendwie wurde alles seltsam real. Trotzdem habe ich im nächsten Semester wieder Kurse belegt, bis kurze Zeit später der dritte Schub kam. Und ich war gebrochen. Ich hatte mich verloren. Ich wollte mein Studium abbrechen. Ich bekam Angst vor der Uni. Die Menschen dort versetzten mich in Panik. Immerzu hatte ich Angst davor, dass jemand erahnen könnte, dass ich nicht „normal“ bin. Also habe ich nach Gründen gesucht. Nach Gründen, der Uni fern zu bleiben. Ich wollte keine Menschen treffen. Fremde Menschen machten mir noch mehr Angst. Die eventuelle Konfrontation mit der Krankheit schreckte mich ab. Isolierte mich. Ich blieb daheim. Und wartete. Bis die Tage vorbei waren. Bis der nächste Schub kam. Und der kam. Und nicht nur einer. Die ständige Angst vor einem neuen Schub, versetzte mich so sehr in Stress, dass ich ständig neue Schübe bekam. Bis es dann insgesamt sechs an der Zahl waren. Die Herde in meinem Kopf wurden immer mehr. Meine Neurologin war ratlos. Bis ich ihr eines Tages schilderte wie ich mich fühle. Und sie bot mir damals zwei Optionen an. Tabletten oder einen Therapeuten. Ich habe dankend abgelehnt. Immer noch war ich felsenfest davon überzeugt, dass ich es schaffen kann. Bis mir eines Tages bewusst geworden ist, dass ich mit niemandem reden kann, weil mir klar wurde, dass meine Ängst und Sorgen nur noch größer werden würden, wenn ich mit einem meiner nahen Menschen darüber reden würde und ich ihm damit Kummer bereiten würde. Also entschied ich mich schweren Herzens dazu, einen Therapeuten aufzusuchen. Davon werde ich euch nun nicht im Detail berichten. Berichten wollte ich, dass ich dort gelernt habe, dass es okay ist, Angst zu haben. Ich habe Grund dazu und es ist in Ordnung. Sie wird nicht weg gehen, ebenso wie die Diagnose nicht weggehen wird, aber ich kann sie hinnehmen. Und durch diese Neusortierung war sie auf einmal nicht mehr in meinem Sichtfeld. Und wenn sie jetzt auftaucht, sage ich ihr, dass es okay ist, dass sie da ist. Und deswegen verschwindet sie wieder.

Und jetzt die Frage: warum erzähle ich euch das alles? Dieses tiefe Stück Steffie, das ich hier in dieser Form noch nicht erwähnt habe? Nun ja, zum Einen weil es dazu gehört, und zum Anderen, weil ich euch erzählen will, dass ich ein bisschen besser geworden bin. Vor ein paar Monaten ist meine Therapie zu Ende gegangen. Etwas Komisches war passiert. Ich war wieder die Steffie, die ich vor der Diagnose war. Nur eben mit einer Diagnose. Die aber keine Wichtigkeit mehr für mich hat. Mit der Arbeit an mir selbst, hörten die Schübe auf. Ich hatte noch diesen einen, siebten und letzten Schub und dann war vorbei. Ich hatte meine Angst vor Menschen verloren. Mein Stundenplan war wieder gefüllt, die Prüfungen sind fast alle abgelegt. Und nun, bin ich wieder ich. Ganz nah bei mir. Nicht verloren. Nicht weg. Konzentriere mich wieder auf meine Ziele, die so weit weg schienen. Lasse mich von Menschen wiederfinden, die ich einst verloren hatte und baue sie wieder in mein Leben. Frage mich, wo ich all die Jahre gewesen bin und was ich für ein Mensch war. Die Erinnerung an diese komische Zeit verblasst. Fast scheint es, als hätte ich die Diagnose nie bekommen. Nur manchmal ist da ein kleines Kribbeln in meiner linken Gesichtshälfte, das mich leise erinnert, dass ich auf mich aufpassen soll.

Allerliebste Grüße

Steffie

Grenzen

Die Wochen fliegen nur so vorbei. Ich komme gar nicht mehr mit. Amelie ist mittlerweile fast 17 Wochen alt und ich frage mich, wo eben diese hin sind. Jeden Tag überschreite ich mit ihr Grenzen. Manchmal Grenzen der Müdigkeit, manchmal Grenzen der Geduld, manchmal Grenzen der Schmerzen. Meistens aber überfüllt sie mein Herz mit Liebe. Jede vorher dort gedachte Grenze, wird gesprengt. Ich schaue in meine eigenen Augen, die mich so verliebt anschauen, dass mir mein Herz schmilzt. Ich bin für einen anderen Menschen die Welt. Und das ist nicht nur so daher gesagt. Dieses kleine Mädchen schaut mich an und in ihren Augen ist nichts als bedingungslose Liebe. Und dann vergesse ich Müdigkeit, Grenzen der Geduld und alle Schmerzen. Und wenn dieser kleine Mensch wieder nicht schlafen kann, laufe ich auch das zehnte Mal so lange durch die Wohnung, bis sie in meinen Armen einschläft. Auch, wenn meine Füße wegen all der verhärteten Muskeln schmerzen.

Auch fordert mein Kind, dass ich wieder fremden Menschen erzählen muss, dass ich MS habe. Wenn ich mit ihr beim Babyschwimmen stehe und die Kursleiterin nach körperlichen Einschränkungen der Eltern fragt, um sicher zu gehen, dass sie mit ihren Kindern ins Wasser können. „Ach ja, da war ja was.“ Und doch, irgendwas ist da anders. Mit jeder neuen Herausforderung werde ich ein kleines bisschen stärker. Ich schaffe das. Ich bin nicht mehr das zerbrechliche Geschöpf, das vor Anstrengung zurückschreckt. Auch, wenn ich in der Nacht beim Füttern die Flasche loslasse, weil ich vor lauter Müdigkeit einschlafe. Dafür, dass ich dann wieder wach werde und weiter füttere, bleibt Amelie dann am Morgen geduldig ruhig, bis ich meinen Kaffee habe. Manchmal weiß ich nicht, wie wir die Tage schaffen, aber irgendwie klappt alles immer. Wir sind ein gutes Team. Und ich bin überzeugt davon, dass wir immer besser werden. Eines Tages wird Amelie alt genug sein, um zu verstehen, dass ich manchmal ein bisschen mehr Ruhe brauche. Und ich glaube fest daran, dass alles, was sie bis dahin von mir fordert, dafür da ist, dass ich stärker werde. Und lerne, dass ich doch mehr schaffen kann, als ich dachte. Sie arbeitet mit dem, was ich als Grundlage geschaffen habe und holt heraus, was sie braucht. Und ich kann es ihr geben. Mit einer Selbstverständlichkeit, die ich so nie erwartet hätte.

Allerliebste Grüße

Steffie

Und dann ist da nichts

Ich weiß nicht, ob ich deutlich gemacht habe, wieviel Risiko man als Frau mit MS eingeht, wenn man sich dazu entscheidet, ein Kind zu bekommen. Nicht nur, dass man die Medikamente absetzt, nein, auch das Risiko nach der Geburt von schweren Schüben heimgesucht zu werden, ist statistisch gesehen sehr hoch. Und selbst, wenn man ohne Schübe davon kommt, kann es sein, dass während und nach der Schwangerschaft mehr Entzündungsherde im Kopf entstehen, die zwar noch inaktiv sind und somit keine Beschwerden bereiten, aber jederzeit aktiv werden können und einen dann ärgern könnten.

Somit hatte ich in den letzten paar Wochen für meinen Geschmack ein bisschen zu viel mit meiner MS zu tun. Eine kräftezehrende Medikamenteneinstellung hat mich für geraume Zeit etwas aus der Bahn geworfen. Jetzt ist mein Immunsystem wieder runtergefahren und die kleinen, doofen weißen Blutkörperchen werden wieder zurückgehalten, damit sie keinen Unsinn anstellen können. Mein Körper hat sich nun wieder gewöhnt und alles ist gut. Ein MRT von meinem Kopf hat die MS-reiche Phase dann hoffentlich vorerst beendet. Ein MRT, vor dem ich sehr viel Angst hatte und für das ich mehr Kraft gebraucht habe als für die Medikamenteneinstellung. Und das, obwohl ich vor dem MRT an sich eigentlich gar keine Angst habe, weil ich ja schon ein alter Hase bin. In meiner Vorstellung war mein gesamter Kopf voller Entzündungsherde. Großflächig und weiß leuchtend, weil aktiv. Was nicht so dramatisch gewesen wäre, wenn es da nicht jetzt dieses kleine Geschöpf geben würde, das mich braucht. Und das, wenn möglich, mit ausschließlich funktionierenden Körperteilen. Also musste der allerbeste Ehemann eher Feierabend machen, um sich mit mir gemeinsam die Ergebnisse anzuschauen. Und um dann da zu sein, wenn ich zusammenbreche nachdem ich das gefürchtete Ergebnis gesehen haben werde.

Wir legen also die CD ein, öffnen die Bilder, scrollen durch unendliche Mengen an Schichtaufnahmen von meinem Gehirn und dann ist da nichts. Nichts. Nichts, was nach einem Entzündungsherd aussieht. Selbst die alten Herde sind verblasst. Ich habe fast zwei Jahre keine Medikamente genommen. Ich habe eine risikoreiche Zeit für Schübe hinter mir. Und ich habe keinen einzigen neuen Herd. Weder einen aktiven noch einen inaktiven. Immer wieder scrolle ich durch die Bilder und suche nach verdächtigen Stellen. Immer wieder denke ich: „Da ist nichts.“ Und dann weine ich. Vor Glück. Und lasse mich nach all der Anspannung vom allerbesten Ehemann in den Arm nehmen. Weil ich scheinbar eine gesunde Mutter sein darf. Weil das Leben es wieder gut mit mir meint. Weil ich zwar niemals geheilt sein werde, aber im Moment auf der Siegerseite stehe. Und zwar so weit, dass ich mich fast sicher fühle. So sicher, dass jetzt einfach wieder vergessen werde, dass ich MS habe. Dass ich ein bisschen anders bin, aber das weder mir noch wem anders auffällt. Und Mutter sein. Einfach Mutter sein.

Allerliebste Grüße

Steffie

Das vierte Jahr

Natürlich gibt es trotz Baby noch einen kleinen Jahresrückblick für das vierte Jahr mit MS. Auch wenn es nicht so scheint, habe ich eifrig meine Bucketlist gefüllt. Alles in allem war es wohl das beste der vier Jahre, auch, wenn ich nicht ganz so viele Punkte der Bucketlist erfüllt habe wie in den Jahren davor. Kleider – ich muss dringend wieder Kleider kaufen gehen! Sonst schaffe ich die 300 wohl nie.

  • Disneyland besucht
  • ein Huhn gestreichelt
  • ein fremdes Land besucht
  • ein Ultraschallbild bekommen
  • 0 Schübe
  • 0 verlorene Körperteile
  • 1 (also insgesamt 8) von 16 besuchten Bundesländern
  • 4 (also insgesamt 13) vollendete Bucketlist- Punkte

Den Start ins fünfte Jahr habe ich ja irgendwie verpasst. Es ist schon gut einen Monat alt und ich frage mich, wo ebendieser hin ist. Immerhin werde ich wohl in diesem fünften Jahr einen sehr großen Punkt meiner Liste abhaken, der schon verdammt lang in Arbeit ist – meinen (ersten) Abschluss an der Uni. Mal sehen wie sich Amelie so in der Uni macht und ob ich das Ziel auch bis zum nächsten Frühjahr erreichen kann. Ansonsten bin ich letzte Woche einen Schritt Richtung MS- Normalität gegangen und habe meine Medikamenteneinnahme wieder gestartet, die bekannten Nebenwirkungen (Verlangsamung des Herzens) bei der Ersteinnahme gut überstanden und den Körper mit etwas Ruhe wieder an das gute Zeug gewöhnt. Jetzt fühle ich mich wieder normal und meide Menschen mit Erkältungen und anderen spannenden Erkrankungen, weil mein Immunsystem wieder auf ein Minimum heruntergefahren ist. Das hat bereits in der Vergangenheit gut geklappt und ich denke, dass es jetzt wieder so sein wird. Aber warten wir mal den ersten Besuch beim Kinderarzt ab, deren Wartezimmer sollen ja besonders toll sein.

Allerliebste Grüße

Steffie

 

Was bisher geschah…

19 Monate ohne Medikamente – 21 Monate ohne Schub – 10 Monate Schwangerschaft – 4 Wochen Amelie-Liebe

So langsam aber sicher normalisiert sich mein Leben wieder. Falls man mit Kind jemals wieder normal sagen kann. Vermutlich nicht. Nichts desto trotz rutschen wir wieder in eine Routine, die mich daran erinnert, warum ich eine Routine brauche. Und was soll ich sagen, die kleine Amelie macht einfach mit. Ich habe scheinbar über die Nabelschnur regelmäßig die Information weitergegeben, dass ich Stress nur bedingt vertrage. Also habe ich ein ruhiges und entspanntes Baby bekommen, das in der letzten Woche nachts das erste Mal fast sechs Stunden am Stück durchgeschlafen hat. Auch sonst schafft sie mindestens vier Stunden und schläft, wenn sie nach den vier Stunden ihr Fläschchen bekommt, regelmäßig mit mir bis neun Uhr aus. So kam es also, dass ich ausgeschlafen und entspannt bin, mich nicht gestresst oder ausgelaugt fühle und meinen Job als Mama ganz gut hinbekomme. Da mich der allerbeste Ehemann auch noch hervorragend unterstützt und das, obwohl er schon seit zwei Wochen wieder arbeiten geht, kann ich ab Montag sogar schon wieder zur Physiotherapie gehen. Sport kann ich zwar noch nicht wieder machen, aber immerhin darf mein Physiotherapeut mir meinen Kopf wieder zurechtrücken. Es ist also eingetroffen, was ich so nie erwartet hätte: ein Leben mit MS und Kind kann funktionieren und das sogar sehr gut. Auch ich darf erleben, wie sehr ein Leben bereichert werden kann. Dieser kleine Mensch macht mich glücklicher, als ich jemals war. Am 26. Mai 2013 bin ich ins Krankenhaus gegangen, weil eine meiner Gesichtshälften taub war. Am 28. Mai 2013 bekam ich eine Diagnose, die mein Leben veränderte. Am 26. Mai 2017 bin ich ins Krankenhaus gegangen, um mein Kind auf die Welt zu bringen. Am 28. Mai 2017 habe ich deswegen den Jahrestag meiner Krankheit vergessen. Scheinbar wollten alle Umstände, dass ich dieses grausige Ereignis aus dem Jahre 2013 im Jahr 2017 mit einem positiven Ereignis überschreibe. Und das ist geglückt.

Allerliebste Grüße

Steffie

Schwanger mit MS

Da hat einfach das Jahr gewechselt. Ohne sentimentale Rückblicke auf das letzte Jahr und ohne mulmigem Gefühl wegen des kommenden Jahres. Einfach so ist das eine in das andere über gegangen und ich habe mich einfach nicht anders gefühlt. Keine Angst. Keine Sorge. Keine Reue. Keine Trauer. Kein komisches Bauchgefühl. Einfach ich bei mir und in mir. Und es war wunderschön. So entspannend. Die Kombination aus einem Jahr unermüdlicher Arbeit an mir selbst und diesem kleinen Babymenschen in mir haben es endlich geschafft, dass ich alle negativen Gefühle aus mir verbannt habe. Und dann war Neujahr auch schon wieder vorbei. Noch nicht mal an meinen Halbjahrestag am 28. November habe ich gedacht. Fast nicht zu glauben. Scheinbar habe ich alles richtig gemacht. Lange habe ich überlegt, ob ich überhaupt jemals ein Kind kriegen werde. Direkt nach der Diagnose war ich mir sehr lange sehr sicher, dass ich niemals eins bekommen werde. Mir dessen sicher, habe ich mich erstmal um die offensichtlichen Baustellen gekümmert. Mich selbst. Mein seelisches und körperliches Befinden. Nach mühsamer und harter Arbeit, hatte ich mich nach langer Zeit so weit, dass ich zumindest das Gefühl hatte, dass ich über ein Kind nachdenken kann. Und nach noch ein bisschen mehr Zeit war ich mir sicher, dass ich mir auf jeden Fall ein Kind wünsche. Ich war so sehr mit mir selbst im Reinen, dass ich dachte, dass ich selbst mit MS eine bessere Mutter sein kann, als manch andere ohne Krankheit. Zumal ich dieses lästige Etwas auch endlich im Griff habe. Und nichts gibt einem mehr Motivation, als der Gedanke, für jemanden anderen gesund sein zu wollen, zusätzlich zu dem Gedanken, dass man für sich selbst gesund sein will. Und nun, nach der Hälfte meiner Schwangerschaft, stelle ich fest, dass die Entscheidung ein Kind zu kriegen, die Ergebnisse meiner mühsamen und harten Arbeit perfektioniert hat. Ich vergesse meine Krankheit. Ich vergesse sie einfach. Ich vergesse meine Krankengeschichte, die Zeiträume verschwimmen, die Schübe haben in meiner Erinnerung keine Symptome mehr. Ich bin ein scheinbar gesunder Mensch. Auf mich aufzupassen, ist nicht mehr nur eine Option, sondern meine Pflicht. Und sie zu erfüllen ist das einfachste, was ich jemals machen musste und durfte. Und nun blicke ich voller Zuversicht in die Zukunft. Ich habe keine Angst. Nicht vor der MS, nicht vor dem Leben mit einem Kind. Keiner kann mir sagen, ob mir in zwei Jahren ein Stein auf den Kopf fällt oder ich einen Schub haben werde, der mich in den Rollstuhl bringt. Keiner kann uns sagen, was auf uns wartet. Und Entscheidungen und Wünsche von möglichen Rückschlägen abhängig zu machen, ist völliger Irrsinn. Und das habe ich verstanden. Und so lebe ich auch.

Allerliebste Grüße

Steffie

Vom Gewinnen, Verlieren und Stehlen

Vor Kurzem habe ich mich mit meinem Schwiegerpapa unterhalten. Er berichtete davon, dass irgendjemand aus seinem Bekanntenkreis sehr krank geworden war und diese Krankheit in nicht allzu ferner Zukunft mit dem Tod enden wird. Reflexartig dachte ich, dass ich froh bin, dass ich nur  meine Krankheit habe. Und wie ich so bin, sprach ich das dann auch aus. Darauf hin schaute mein Schwiegerpapa mich an und sagt: „Ach Steffie, ich bin schon so alt, ich nehme sie dir gerne ab.“ Und aus einem unerklärlichen Grund hatte ich das Gefühl, dass er mir etwas wegnehmen will, das nur mir gehört. Meine Antwort war: „Oh nein, auf keinen Fall, nicht meinem ärgsten Feind würde ich sie geben.“, aber mein Gedanke war: „Oh nein, auf keinen Fall, ich würde bestimmt wieder verlieren, was ich durch die Krankheit gewonnen habe.“ Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine MS mein Aufpasser ist. Sie schwebt über mir und wenn ich mich nicht vernünftig verhalte, dann kommt sie herunter und gibt mir einen auf den Deckel. Hin und wieder lässt sie mir einiges durchgehen, dann darf ich auch eine dritte und vierte Flasche Bier trinken, oder auch mal ein oder zwei Stunden länger aufbleiben. Wenn es ihr zu bunt wird, lässt sie mir die Füße kribbeln. Das ist das erste Warnzeichen. Höre ich nicht darauf, lässt sie auch noch meine linke Gesichtshälfte kribbeln. Spätestens dann sollte ich sofort sein lassen, was ich gerade mache, und eine Pause einlegen. Höre ich aber an dieser Stelle immer noch nicht auf, bewege ich mich auf sehr dünnem Eis. Muskelschmerzen (nicht die echten, sondern die, die einem von kaputten Nerven vorgegaukelt werden) setzen ein und ich bewege mich sehr nah an einem Schub. Und da ich genau das alles weiß, lebe ich genau so, dass maximal meine Füße kribbeln. Und das schon länger. Und irgendwie möchte ich nicht, dass man mir meinen Aufpasser stiehlt. Manchmal überlege ich, gegen welche andere Krankheit ich meine MS eintauschen würde. Und mir fällt nichts ein. Ich glaube daran, dass ich genau diese Krankheit bekommen habe, weil ich genau diese Krankheit schaffe. Weil ich es eben geschafft habe, den Spieß umzudrehen und als Gewinner aus der Sache rauszugehen. Und genau so durchs Leben gehen zu können.

Allerliebste Grüße

Steffie

Bilanz

Ein paar Tage sind um und ich habe Bilanz gezogen. Der Jahrestag ist vorbei gegangen und trotz aller Bemühungen, hat er mir scheinbar zugesetzt. Zwei Wochen lang dachte ich, ich hätte mir einen Wirbel eingeklemmt und konnte deswegen nicht richtig atmen. Zufälligerweise war das am Tag nach dem Jahrestag komplett weg. Egal wie schön ich mir gesagt habe, dass alles gut wird und, dass alles vorbei geht, mein Körper hat mir scheinbar mitgeteilt, dass er das nicht glaubt. Jetzt kann ich wieder atmen. Ich habe am Tag danach durchgeatmet und das vierte Jahr gestartet. Ein bisschen fühlt es sich an wie Silvester. Und nun ist Neujahr schon wieder vorbei und das Jahr läuft. Und es läuft ganz gut. Seit ein paar Tagen fallen mir die Veränderungen an mir bewusst auf. Ich glaube, erst im letzten Jahr (MS- Zeit) habe ich mich wirklich verändert. Ich kann bewusste Entscheidungen treffen, was ich an mich ran lasse und was nicht. Ich sortiere automatisch, mit welchen Dingen ich mich auseinandersetzen kann und will und mit welchen nicht. Ich kann Stress gut sortieren und von mir fern halten. Ich weiß wieviele Vorlesungen und somit Klausuren ich schaffen kann. Ich teile meine Zeit ein und gehe nicht mehr an Grenzen. Und doch, obwohl ich ein wirklich ausgewogenes Leben führe, fehle ich mir manchmal selber. Ich vermisse mich. Aber vermutlich ist das mein gutes Recht. Tatsächlich bin ich die meiste Zeit froh, dass ich ein komischer Mensch bin. (Komisch darf jeder für sich selbst definieren.) Das macht es mir sehr einfach durch den Tag zu kommen. Ich erfreue mich an den Kleinigkeiten. Vor zwei Tagen hat es nach Sommerregen gerochen, da bin ich ein bisschen langsamer gelaufen, damit ich länger etwas davon habe. Wenn ich an blühenden Rapsfeldern vorbei fahre, mache ich das Fenster runter, damit ich den Duft einatmen kann. Tatsächlich so kleine Kleinigkeiten machen mich ein bisschen glücklicher. Schlussendlich, sollte ich öfter daran denken, als daran, dass ich mir fehle. Ein neues Jahr hat angefangen und ich habe wieder viele neue Chancen. Ich halte nicht viel von guten Vorsätzen, aber einen habe ich: schubfrei bleiben. Vor allem habe ich jetzt die Möglichkeit, 359 Tage lang zu überlegen, wie ich den vierten Jahrestag verbringen kann. Vielleicht fahre ich zwei Wochen vorher ans Meer, da kann man auf jeden Fall besser atmen.

Allerliebste Grüße

Steffie

Jahrestag

Vor Kurzem habe ich ein Gespräch über „Ankommen“ geführt. Lange Zeit meines Lebens dachte ich, dass es DAS Ziel im Leben gibt. Dass man auf das eine Ideal hinarbeitet. Ich wurde eines besseren belehrt. Jeden Tag ändern sich Ziele. Jeden Tag ändern sich die Sachen, die uns ankommen lassen. Vor allem haben wir fast gar keinen Einfluss darauf, wodurch sich unsere Ziele ändern. Das einzige, was wir ändern können, ist die Art wie wir mit Veränderungen umgehen. Natürlich sollte man seine großen Ziele nicht aus den Augen verlieren, trotzdem kann es sein, dass sie an Wichtigkeit verlieren. Plötzlich fällt uns auf, dass andere Sachen viel wertvoller sind. Deswegen hört man ja nicht auf, sein großes Ziel zu verfolgen, aber vielleicht weniger verbohrt. Heute vor drei Jahren wurde ich gezwungen, meine Pläne zu ändern. Und ich habe sie geändert. Ich habe meine großen Ziele nicht aus den Augen verloren, aber ich habe den Blick für das kleine Ankommen dazu gewonnen. An manchen Tagen reicht mir ein gutes Buch, ein schönes Gespräch, ein tolles Lied. Vor allem weiß ich, dass es DAS eine Ziel nicht gibt. Es ist nicht da. Man sollte lieber versuchen, jeden Tag in den kleinen Dingen des Lebens anzukommen, als auf das eine große Ankommen hinzuarbeiten. Denn wenn man dort angekommen ist, hat man alle anderen Wunderbarkeiten verpasst, weil man sich einzig auf diese eine große Sache konzentriert hat. Und das wäre ganz schön schade.

Mit diesen Gedanken werde ich nun versuchen, diesen dritten Jahrestag zu vollbringen. Ich schaue auf drei spannende Jahre zurück, in denen ich mehr gewonnen, als verloren habe. Nachdem ich mich endlich gewöhnt habe, kann ich sagen: Mir geht es gut!

  • 5 von10 besuchten Stränden
  • 45 Minuten auf dem Crosstrainer (Stufe 12)
  • 7 von16 besuchten Bundesländern
  • (nur) ein Schub
  • 0 verlorene Körperteile
  • 58 von 300 Kleidern
  • 9 vollendete Bucketlist- Punkte

Allerliebste Grüße

Steffie

P.s.: Ach, und nur für’s Protokoll: mein Blog feiert heute seinen ersten Jahrestag mit dem 100. Beitrag. Auf die nächsten 100!

Countdown

Irgendwie ist es diesmal anders. Ich lebe so vor mich hin und warte darauf, dass dieser blöde Jahrestag endlich vorbei geht. Innerlich zähle ich runter, wie viele Tage es noch sind. Aber nur manchmal. Eigentlich geht es mir sehr gut und ich bin vorbereitet. Ich habe einen Frisörtermin, ich habe eine Einladung zu einem Geburtstag und das Versprechen, dass der allerbeste Ehemann am Abend mit mir noch einen Abstecher zur Kirmes macht. Ich bin ein Kirmeskind. Und um ein bisschen mehr von mir zu verraten, ich bin ein Sterkrader Kirmeskind. Ich liebe es, einfach nur über die Kirmes zu laufen, mir das bunte Treiben anzuschauen und das ein oder andere Leckere zu essen. Und ich liebe den Power Tower. Ich weiß nicht, ob ihr euch daran erinnern könnt, als ich euch davon erzählt habe, dass Premieren in meinem Bauch so ein Kribbeln auslösen. Auf jeden Fall macht der Power Tower mit mir das Gleiche. Nur mit weniger Arbeit vorher, aber auch leider nicht so langanhaltend. Trotzdem freue ich mich schon sehr.

Ein neuer Denkansatz funktioniert scheinbar ganz gut. Mir ist aufgefallen, dass es nicht so schön ist, zu zählen wie viele Jahre ich nun schon krank bin. Besser ist es, zu zählen, dass es mir seit drei Jahren gut geht, obwohl ich krank bin. Ich muss zugeben, ich kann das mit dem Verdrängen ganz gut. Am Anfang der Krankheit ging es mir alles andere als gut, aber ich bin recht wohlbehalten an der Stelle angekommen, an der ich mich jetzt befinde. Die schlimme Zeit habe ich längst hinter mir gelassen und die Sache mit den Schüben lasse ich auch sein. Nun lässt es sich nicht ganz abstellen, dieses Gefühl, auf etwas zu warten, was in jedem Fall geschehen wird. Automatisch denke ich daran, was ich vor drei Jahren gemacht habe. Was meine letzten gesunden Aktivitäten waren. Ich verspüre ein bisschen Wehmut. Aber dann versuche ich daran zu denken, was ich alles dazugewonnen habe. Und da ist so viel mehr auf der Habenseite. Und es ist wunderschön, sich das bewusst zu machen. Und Wehmut ist okay. Wäre ja auch komisch, wenn einen völlig kalt lassen würde, dass man vor langer Zeit etwas verloren hat, was einem sehr wichtig war.

Allerliebste Grüße

Steffie