Vom Gewinnen, Verlieren und Stehlen

Vor Kurzem habe ich mich mit meinem Schwiegerpapa unterhalten. Er berichtete davon, dass irgendjemand aus seinem Bekanntenkreis sehr krank geworden war und diese Krankheit in nicht allzu ferner Zukunft mit dem Tod enden wird. Reflexartig dachte ich, dass ich froh bin, dass ich nur  meine Krankheit habe. Und wie ich so bin, sprach ich das dann auch aus. Darauf hin schaute mein Schwiegerpapa mich an und sagt: „Ach Steffie, ich bin schon so alt, ich nehme sie dir gerne ab.“ Und aus einem unerklärlichen Grund hatte ich das Gefühl, dass er mir etwas wegnehmen will, das nur mir gehört. Meine Antwort war: „Oh nein, auf keinen Fall, nicht meinem ärgsten Feind würde ich sie geben.“, aber mein Gedanke war: „Oh nein, auf keinen Fall, ich würde bestimmt wieder verlieren, was ich durch die Krankheit gewonnen habe.“ Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine MS mein Aufpasser ist. Sie schwebt über mir und wenn ich mich nicht vernünftig verhalte, dann kommt sie herunter und gibt mir einen auf den Deckel. Hin und wieder lässt sie mir einiges durchgehen, dann darf ich auch eine dritte und vierte Flasche Bier trinken, oder auch mal ein oder zwei Stunden länger aufbleiben. Wenn es ihr zu bunt wird, lässt sie mir die Füße kribbeln. Das ist das erste Warnzeichen. Höre ich nicht darauf, lässt sie auch noch meine linke Gesichtshälfte kribbeln. Spätestens dann sollte ich sofort sein lassen, was ich gerade mache, und eine Pause einlegen. Höre ich aber an dieser Stelle immer noch nicht auf, bewege ich mich auf sehr dünnem Eis. Muskelschmerzen (nicht die echten, sondern die, die einem von kaputten Nerven vorgegaukelt werden) setzen ein und ich bewege mich sehr nah an einem Schub. Und da ich genau das alles weiß, lebe ich genau so, dass maximal meine Füße kribbeln. Und das schon länger. Und irgendwie möchte ich nicht, dass man mir meinen Aufpasser stiehlt. Manchmal überlege ich, gegen welche andere Krankheit ich meine MS eintauschen würde. Und mir fällt nichts ein. Ich glaube daran, dass ich genau diese Krankheit bekommen habe, weil ich genau diese Krankheit schaffe. Weil ich es eben geschafft habe, den Spieß umzudrehen und als Gewinner aus der Sache rauszugehen. Und genau so durchs Leben gehen zu können.

Allerliebste Grüße

Steffie

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